7/07/2021

Der Traum

Diese Nacht hat mich verändert. Ich weiß nicht, warum oder inwiefern aber ich weiß, dass eine Veränderung stattgefunden hat. Ich habe geträumt, dass die Welt untergeht. In diesem Zusammenhang gab es keine klassischen, wie in der utopischen Literatur dargestellten, Phänomen. Aber auch keine religiösen Anzeichen. Kein blutiger Regen, keine Meteoriten, keine Aliens.


Zudem habe ich keine Ahnung von Wissenschaft. Für mich hat es sich angefühlt, als würde die Schwerkraft zusammenbrechen. Alles wurde abrupt schwer. Nichts hat mehr Sinn ergeben.

Ich nicht alleine. Jemand saß neben mir aber ich kann bis jetzt nicht sagen, wer es war. Diese unbekannte Person schien mir wichtig. So wichtig, dass ich es als schön empfand mit dieser Person zusammen zu sterben. Meinen Erinnerungen entsprechend, saßen wir also auf einem Bett. Plötzlich biegt sich alles zusammen. Wie eine 1,5L Plastikflasche die man unbewusst mit der Hand zerdrückt, weil man gerade seinen unheimlichen Durst löschen möchte. Die Luft im Traum war schwer. Durch den veränderten Luftdruck entfachte sich Panik. Man könne meinen, es sei ein stinknormaler Albtraum gewesen. Wäre nicht das erste Mal in meinem Leben. In meiner Kindheit hatte ich des Öfteren Albträume. Aber diesmal war es keiner. Ich habe nichts von der Panik gespürt. Der Sympathikus, bekannterweise der zuständige Teil des Nervensystems ("Fight or fly response") war nicht aktiviert und das, obwohl ich mich im Traum in einer gefährlichen Situation befand. Panisch, ängstlich und völlig verkrampft befand sich die unbekannte Person und ich in einer Haltung, die man nur in einem Cartoon bildlich darstellen könnte. Unsere Oberkörper zogen sich nach unten - wie ein Motorola RAZR V3. Vielleicht machten unsere Wirbelsäule auch einen ‚Klapp‘ Sound. Jedoch kann ich auditiv im Traum nichts wahrnehmen. Deswegen verstand ich die Person neben mir nicht, als sie mich anschrie. Die Lippen bewegten sich. Ein weinendes, schreiendes, verformtes Gesicht zeichnete sich vor mir. Alles, was ich wahrnahm, war die Stille. Alles verformte sich immer mehr.

Zum Ende hin morphte alles in sich zusammen.

Stille.

Den Traum habe ich nicht vergessen. Obwohl er so eine kurze Zeitspanne hatte, war er immer noch präsent. Etwas in mir hat sich verändert. Hat mein Unterbewusstsein versucht mit mir zu kommunizieren? Falls dies möglich ist, was wollte es mir sagen?

Es sind schon einige Tage vergangen. Ich verfasse diesen Text, um mögliche Theorien zusammenzufassen. Theorie Eins - sich von der Angst im Leben zu lösen. Gemeint sind sogenannte

Grundformen der Angst die vom Psychoanalytiker Fritz Rieman in seinem bekannten Werk 'Grundformen der Angst' beschrieben sind. Er zählt vier Persönlichkeitstypen auf : den schizoiden, depressiven, zwanghaften und hysterischen Typus. Die damit verbundenen Grundängste beschreibt er als "Angst vor Veränderungen", "Angst vor Nähe", "Angst vor der Endgültigkeit" und "Angst vor Selbstwerdung". In meiner Jugend ließ ich mich oft durch Angst lenken, weil ich Angst vor Veränderungen hatte. Ich traf falsche Entscheidungen, um nur auf der sicheren Seite zu stehen - bis heute noch. Ich hatte Angst, dass ich leicht ersetzbar bin. Ob Familie, Beziehung, Freundeskreis oder Arbeit. Innerlich habe ich so viel Zeit in andere Menschen investiert und habe mich gefragt, warum sie es nicht sehen. Ich hatte während meiner Schulzeit eine beste Freundin. In der 10 Klasse war sie frisch in einer Beziehung. Nach dem Abschluss habe ich nie wieder was von ihr gehört. Wir haben so viel durchlebt, sind gewachsen, hatten schöne und schlechte Tage. Dann war's vorbei. Zack! Ersetzt.

Ich komme zu der Erkenntnis, dass ich es schade finde das unsere Freundschaft auf diese Art und Weise beendet wurde. Und das ich nie ersetzt wurde. Sie hat sich ja keine andere beste Freundin gesucht. Meine Rolle war nie in Gefahr. Das was passiert ist, nennt sich Leben. Oder die Angst vor Veränderung.

Als Schutzmechanismus produzierte ich mir eine Kopie von mir selbst - mit dem Anschein, als hätte ich keine starken Gefühle wie Trauer, Wut, Eifersucht und Angst. Eine neutrale Person. Die viel Verständnis zeigt. Empathie. Weil ich wusste, wie es sich anfühlt, nie an erster Stelle zustehen. Weder in meiner Familie noch unter Freunden. Und auch hier habe ich mich immer wieder gefragt, wieso sehen die Menschen nicht, wie viel Energie es mich kostet? Wieso bekomme ich nur 70% zurück, wenn ich ihnen 100% gebe?

Die Antwort ist einfach. Keiner kann meine Gedanken lesen. Keiner misst Freundschaft in Prozentangaben. Es ist ein Flow zwischen Nehmen und Geben. Warum bin ich der Behauptung, dass ich 100% gebe? Das ist zwar meine Empfindung aber nimmt es mein Gegenüber auch so wahr?

Warum gebe ich mir nicht selbst diese 100%? Warum stelle ICH mich nicht an erster Stelle oder als höchste Priorität?

Vielleicht hat mir mein Unterbewusstsein versucht zu sagen, dass ich jetzt, genau wo ich mich im Leben befinde, von dieser Angst loslassen muss.

Der Grund wieso ich diesen Traum nicht als Albtraum bezeichne ist - ich hatte keine Angst. Ich wusste im Traum, dass wir sterben. Ich denke, wie wahrscheinlich jeder andere auch, nicht gerne über den Tod nach. "Die Angst vor dem Tod". Was passiert danach? Wie fühlt sich das an? Fragen die sich die Menschheit seit Ewigkeiten stellt. Ich bin nicht religiös - ich glaube nicht an Gott (an die westliche Darstellung Gottes schon mal gar nicht), Himmel oder Hölle. Die einzige Religion, die ich für mich ansprechend finde, ist Buddhismus. Es ist ein schöner Gedanke das der menschliche Geist eine Reinkarnation nach dem Tod durchläuft. Die Wiedergeburt und - je nachdem wie das Karma aus dem vorherigen Leben aussieht - ein schöneres Leben. Aber wir wissen es nicht. Wir werden es nie herausfinden. Dieser Gedanke ist furchteinflößend aber auch schön zugleich.

In diesem Zusammenhang kommen wir zur zweiten Theorie. Wie oben bezeichnet, die "Angst vor dem Tod" oder besser gesagt, die "Angst vor dem Nichts". Ich habe bisher nur eine Erfahrung mit dem Tod gemacht. Meine Katze ist vor einigen Monaten verstorben. Er hatte 16 schöne Jahre hinter sich. In den letzten Wochen hat er rapide abgebaut. Kaum was gegessen und nur geschlafen. Ich habe die Katze im Kindesalter von Bekannten geschenkt bekommen. Meine Kindheit durch ihn war sehr schön, ich habe viel Zeit mit ihm verbracht. Als ich mit 18 Jahren auszog, blieb er bei meiner Mutter, sodass ich ihn nur noch zum Besuch sehen konnte. Viele Tierbesitzer haben einen emotionalen Bund mit dem Tier. Es wird behandelt wie ein weiteres Familienmitglied. So war das auch bei meiner Mutter. Sie war froh über die Zweisamkeit mit der Katze. Deswegen überkam mich die Traurigkeit als sie mich eines Abends anrief und mir mitteilte, dass er eingeschläfert werden musste. Rückblickend, habe ich es schon geahnt. Ich habe sie 2 Monate davor besucht. Mich traf ein alter, abgemagerter Kater an. Beim Streicheln spürte ich seine Wirbelsäule. Wenn meine Mutter eher mit ihm zum Tierarzt gegangen wäre, hätte ihm das seine Lebenschancen erhöht?

Ich habe mich nicht großartig von ihm verabschiedet. Ich dachte wir sehen uns wieder.

Das, was mich am meisten berührt hat, war sein Leiden. Das Leiden und das quälen vor dem Tod. Ich mag mir nicht vorstellen welche Schmerzen er die Tage vor seinem Tod hatte. Tiere können sich nicht äußern, nichts rückmelden.

Zu dieser Thematik fällt mir die Anekdote von meinem Religionslehrer aus der fünften Klasse ein. Ich und meine Mitschüler empfanden ihn als streng. Er war groß, hatte weißes Haar und eine laute Stimme und eine präzise Betonung seiner Aussprache. Meine Erinnerung ist schwach aber wir unterhielten uns im Unterricht auch über den Tod. Seine Worte waren "Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor dem Sterben". Er begründete seine Aussage mit seiner Erzählung von seinem Vater, von dem er Abschied nehmen musste. Viele wünschen sich einen friedlichen Tod, zum Beispiel im Schlaf. Mein Religionslehrer nicht. "Wie feige ist das denn? Man kann nicht Abschied nehmen von Familien und Freunden" (Oder so ähnlich).

Diese Aussage und die Einstellung berührte mich auf einer Ebene, die ich nicht erklären kann. Ob er recht hat oder nicht, bleibt offen, Tatsache ist: nicht der Tod ist schlimm, sondern das Sterben.

Ich hab um meine Katze geweint, weil mir Bewusst war, dass der Weg zum Tod schmerzhaft gewesen sein muss. Und - das ich mich nicht verabschieden konnte. Ein letztes Mal.

In meinem Traum hatte ich jemanden bei mir. Obwohl ich nicht sprechen oder hören konnte, wusste ich, dass wir uns verabschiedet haben. Ein Abschied durch Augenkontakt. Vielleicht war es ja das, was mir mein Unterbewusstsein damit sagen wollte. Dass ich keine Angst haben sollte vor dem Tod, vor dem Nichts. Dass ich mein Leben in vollen Zügen genießen sollte, bevor das Licht dunkel wird. (Nicht weil ich die Stromrechnung nicht bezahlt habe..)

mehr Leben. Weniger über seine eigene Ewigkeit nachdenken.

Außerdem bin ich nicht alleine.

Wir sitzen alle in einem Boot, das irgendwann untergehen gehen wird.

Theorie drei - Ich kann in die Zukunft blicken und habe vorausgesehen, dass die Welt untergeht.

Scherz!

Es gibt keine richtige Antwort. Dafür gibt es wahrscheinlich viele Interpretationen und Theorien. Vielleicht ist es auch okay, dass es keine absolute Antwort gibt. In meiner Jugend war ich sehr oft unzufrieden, depressiv, taub, ausgelaugt. Ich war wütend. Wütend auf mich und auf andere. Ich habe mir sehr oft gewünscht jemand anders zu sein. Ich war nie suizidal aber ich habe oft den Sinn hinter meinem Leben nicht verstanden. Ich wollte nicht Sterben aber ich wollte auch nicht dieses Leben führen. Ich habe mich beruflich dazu entschieden anderen Menschen zu helfen, dabei habe ich diese Hilfe von mir am meisten benötigt. Zwar bereue ich meinen Berufsweg nicht, da ich in dieser Laufbahn tolle Menschen kennengelernt habe, aber ich wünschte, ich hätte einen anderen Weg gewählt. Ich wünschte, ich hätte nach meinen Bedürfnissen gehandelt.

Ich wünschte, ich hätte ich mich selbst gewählt.

Angst begleitet mich mein Leben lang. Sei es die Angst vor Referaten, existentielle angst, die Angst vor dem Tod, die Angst vor Veränderung, die Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor dem Versagen, die Angst vor der Angst...

Ich habe (fast) keine Angst mehr. Ich führe ein ruhiges Leben mit mir selbst. Ich habe mich akzeptiert, wie ich bin und ich bedauere all die Zeit, in der ich es nicht tat. Ich wünsche mir kein anderes Leben mehr.

Ich wünsche mir Veränderungen. Veränderungen die ich mir (unter)bewusst schaffe.

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